Frau mit Bauchschmerzen hält sich den Unterbauch, umgeben von Pflanzen und pink-violetter Beleuchtung

Medizinisches Cannabis bei Endometriose: Eine neue Perspektive auf chronische Schmerzen

Endometriose betrifft Millionen von Frauen weltweit – oft mit starken Schmerzen und eingeschränkter Lebensqualität. Medizinisches Cannabis gilt zunehmend als alternative Therapie bei chronischen Beschwerden. Erfahre hier, wie Cannabis wirkt, was die Wissenschaft sagt und wann eine Behandlung sinnvoll sein kann.

Medizinisches Cannabis bei Endometriose gewinnt zunehmend an Bedeutung – insbesondere bei Patientinnen mit chronischen Schmerzen, für die herkömmliche Therapien nicht ausreichend wirken. Endometriose ist eine weit verbreitete, oft spät diagnostizierte Erkrankung der weiblichen Fortpflanzungsorgane. Sie geht häufig mit starken Unterbauchschmerzen, Erschöpfung und psychischer Belastung einher. In der Schmerztherapie rückt medizinisches Cannabis als mögliche ergänzende Option immer stärker in den Fokus klinischer Forschung und individueller Behandlung.

Was ist Endometriose?

Endometriose ist durch das Vorkommen von endometriumähnlichem Gewebe außerhalb der Gebärmutter gekennzeichnet. Diese sogenannten Endometrioseherde reagieren – wie das normale Endometrium – auf hormonelle Veränderungen des Menstruationszyklus, wachsen, bluten und verursachen eine chronische Entzündungsreaktion. Dies führt zu Verwachsungen, Zysten und im Verlauf häufig zu neuropathischen Schmerzsyndromen.

Häufige Lokalisationen:

  • An der Außenseite der Eierstöcke (Endometriome)
  • Douglas-Raum
  • Darm, Blase und Bauchfell
  • Selten: Lunge, Zwerchfell, Narbengewebe

Symptome im Überblick:

  • Dysmenorrhoe (starke Menstruationsschmerzen)
  • Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr)
  • Dysurie und Dyschezie (Schmerzen beim Wasserlassen/Stuhlgang)
  • Chronisches Fatigue-Syndrom
  • Depressive Verstimmungen bis hin zu Angsterkrankungen

Die durchschnittliche Zeit bis zur Diagnose beträgt nach Studienlage 7 bis 11 Jahre, was die Bedeutung neuer symptomorientierter Therapien unterstreicht2.

Was ist medizinisches Cannabis?

Medizinisches Cannabis umfasst Arzneimittel, die aus der Hanfpflanze gewonnen werden und für medizinische Zwecke eingesetzt werden. Im Gegensatz zum Freizeitgebrauch ist medizinisches Cannabis standardisiert, kontrolliert und in Deutschland unter bestimmten Bedingungen verschreibungsfähig. Die pharmakologisch aktiven Substanzen werden Cannabinoide genannt – hauptsächlich Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD).

Hauptwirkstoffe:

  • THC (Δ9-Tetrahydrocannabinol): schmerzlindernd, entspannend
  • CBD (Cannabidiol): antipsychotisch, entzündungshemmend, angstlösend

Zudem enthält Cannabis über 100 weitere Phytocannabinoide mit potenzieller Wirkung, etwa CBG oder THCV, deren medizinische Anwendung noch in der Erforschung ist.

Das Endocannabinoid-System (ECS) – Schlüssel zur Wirkung

Das menschliche Endocannabinoid-System ist ein regulatorisches Netzwerk aus Rezeptoren (CB1 und CB2), endogenen Liganden (z. B. Anandamid, 2-AG) und Enzymen, die für deren Abbau verantwortlich sind. Es beeinflusst eine Vielzahl physiologischer Prozesse:

  • Schmerzempfinden
  • Entzündungsreaktionen
  • Immunabwehr
  • Stimmung und Schlaf
  • Muskeltonus
  • Hormonregulation

Bedeutung bei Endometriose:

Studien zeigen, dass bei Endometriose eine gestörte Endocannabinoid-Aktivität vorliegen kann. Es wird vermutet, dass dies zur Sensibilisierung der Schmerzbahnen, zur Entzündungsverstärkung und zur Chronifizierung der Symptome beiträgt3,4.
Durch die Gabe exogener Cannabinoide – wie THC oder CBD – kann dieses Ungleichgewicht potenziell ausgeglichen werden.

Studienlage zu Cannabis bei Endometriose

Die Forschung zu medizinischem Cannabis bei Endometriose befindet sich in einer dynamischen Entwicklungsphase. Die bisherige Evidenzlage stammt überwiegend aus:

  • Tiermodellen
  • Beobachtungsstudien
  • Patientenbefragungen

Wichtige Studien und Erkenntnisse:

  • Eine australische Online-Umfrage (2021) mit 484 Endometriose-Patientinnen zeigte, dass 79 % Cannabis zur Schmerzlinderung nutzten, insbesondere bei Beckenschmerzen, Schlafstörungen und Angstzuständen5.
  • In präklinischen Modellen konnte gezeigt werden, dass die Aktivierung von CB1-Rezeptoren die Schmerzverarbeitung bei Endometriose positiv beeinflusst6.
  • Eine kanadische Querschnittsstudie (2020) dokumentierte eine Reduktion des Einsatzes von NSAR und Opioiden bei Patientinnen, die regelmäßig Cannabis konsumierten7.
  • CBD zeigte in In-vitro-Versuchen anti-proliferative Effekte auf Endometriosezellen und hemmte Entzündungsprozesse8.
  • Eine aktuelle Übersichtsarbeit (Kratz & Mechsner, 2024) bewertet den therapeutischen Nutzen von Cannabinoiden bei Endometriose differenziert. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Cannabinoide zwar kein Allheilmittel sind, aber bei ausgewählten Patientinnen – insbesondere bei chronischen Schmerzen und als Add-on-Therapie – durchaus einen klinischen Nutzen haben können9.

Limitierungen:

  • Es gibt noch keine randomisierten kontrollierten Studien (RCTs), die die Wirksamkeit in größeren Patientenkollektiven eindeutig belegen.
  • Viele Daten basieren auf Selbstauskünften und können durch Placeboeffekte beeinflusst sein.
  • Langzeitwirkungen auf Hormonhaushalt und Fertilität sind noch unzureichend untersucht.

Anwendung: Darreichungsformen und Dosierung

Häufig genutzte Applikationsformen:

  • Inhalation (z. B. Vaporisator): schneller Wirkeintritt, im Vergleich zu anderen Applikationsformen schlechtere Dosierbarkeit
  • Öle/Tinkturen: für kontinuierliche Wirkung, insbesondere bei nächtlichen Beschwerden
  • Kapseln oder Extrakte: standardisierte Einnahme möglich

Die Dosierung erfolgt stets individuell nach dem Prinzip „Start low – go slow“, also mit niedriger Anfangsdosis und langsamer Steigerung unter ärztlicher Aufsicht.

Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Häufige Nebenwirkungen:

  • Müdigkeit, Benommenheit
  • Mundtrockenheit
  • Psychotrope Effekte (nur bei THC)
  • Kurzfristige Konzentrationsstörungen
  • Wechselwirkungen mit Antidepressiva, Antikoagulanzien, Antikonvulsiva

Kontraindikationen:

  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Psychotische Erkrankungen oder Schizophrenie in der Vorgeschichte

Multimodale Behandlung – Cannabis als Baustein

Cannabis sollte nicht isoliert, sondern integriert in ein ganzheitliches Behandlungskonzept eingesetzt werden:

  • Schmerztherapie: NSAR, Antidepressiva, Antikonvulsiva
  • Hormonbehandlung: Gestagene, GnRH-Analoga
  • Chirurgische Sanierung: insbesondere bei Organbefall
  • Psychologische Begleitung: Schmerzbewältigung, Psychoedukation
  • Ernährungsmedizinische Ansätze: antiinflammatorische Diäten
  • Komplementärmedizin: Akupunktur, Achtsamkeitstraining

Fazit

Endometriose stellt für viele Betroffene eine chronische und belastende Erkrankung dar, deren Behandlung häufig unbefriedigend verläuft. Medizinisches Cannabis bietet hier neue therapeutische Ansätze, insbesondere zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Lebensqualität. Die aktuelle Datenlage ist ermutigend, wenngleich weitere klinische Studien notwendig sind.

Cannabis ist kein Wundermittel, aber ein wertvoller Bestandteil eines individuellen, multimodalen Therapiekonzepts. Eine ärztliche Begleitung, sachkundige Aufklärung und verantwortungsvoller Umgang sind dafür essenziell.

Sie sind sich unsicher oder haben unbeantwortete Fragen? Dann buchen Sie ein Erstgespräch bei einem unserer Fachärzte.

Häufig gestellte Fragen

Wie schnell wirkt Cannabis bei Endometriose-Schmerzen?
Bei Inhalation kann die Wirkung nach wenigen Minuten eintreten. Orale Zubereitungen benötigen 30–90 Minuten, wirken aber länger.
Kann Cannabis die Endometriose heilen?
Nein, Cannabis lindert Symptome, insbesondere Schmerzen, beeinflusst aber nicht die zugrunde liegende Pathologie.
Welche Sorte ist bei Endometriose geeignet?
Viele Patientinnen berichten über gute Ergebnisse mit THC:CBD-Verhältnissen von 1:1 oder 2:1. Die Auswahl sollte individuell erfolgen.
Macht medizinisches Cannabis abhängig?
Bei kontrollierter Anwendung ist das Suchtrisiko gering. THC kann jedoch bei hoher Dosierung psychische Abhängigkeit fördern.
Ist eine Kostenübernahme durch die Kasse möglich?
Ja, bei chronischen Schmerzen und fehlender Alternativbehandlung kann ein Antrag auf Kostenübernahme gestellt werden.

Quellenangaben

  1. Parasar, P. et al. (2017). Endometriosis: Epidemiology and Pathogenesis. Annual Review of Pathology. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34638893/
  2. Hudelist, G. et al. (2012). Diagnostic delay for endometriosis in Austria and Germany: causes and possible consequences. Human Reproduction. https://academic.oup.com/humrep/article-abstract/27/12/3412/650946?redirectedFrom=fulltext
  3. Di Marzo, V. (2008). Endocannabinoid signaling in the brain: biosynthetic mechanisms in the limelight. Nature Neuroscience. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21187849/
  4. Iuvone, T. et al. (2004). Cannabinoids and endometriosis. Neuro Endocrinology Letters. https://www.liebertpub.com/doi/10.1089/imr.2024.0017?
  5. Sinclair, J. et al. (2021). Self-reported efficacy of cannabis use for endometriosis symptom management. Journal of Obstetrics and Gynaecology Research. https://www.jmig.org/article/S1553-4650(19)31092-1/abstract
  6. Dmitrieva, N. et al. (2010). Endocannabinoid involvement in endometriosis. Pain. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2972363/#:~:text=Together%20these%20findings%20suggest%20that,of%20badly%2Dneeded%20new%20treatments.
  7. Taylor, M. M. et al. (2020). Cannabis use for pain and symptom management in endometriosis. Obstetrics & Gynecology International. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8547625/
  8. Guida, F. et al. (2010). Cannabidiol inhibits the growth of endometrial cells and modulates inflammatory responses. European Journal of Pharmacology. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12102056/
  9. Kratz JW, Mechsner S. Cannabinoide gegen Schmerzen bei Endometriose – Überbewertetes Hausmittel oder einen Therapieversuch wert? Schmerzmedizin. 2024 https://www.springermedizin.de/endometriose/spezielle-schmerztherapie/cannabinoide-gegen-schmerzen-bei-endometriose/27273390

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