Abstrakteres Bild eines Uterus

Cannabis bei Vaginismus: Das Endocannabinoid-System als mögliche Schlüsselrolle

Für viele Frauen ist Vaginismus ein Tabuthema – umso spannender ist die Frage, ob Cannabis durch seine schmerzlindernden, entspannenden und angstlösenden Eigenschaften hier eine neue Therapieoption sein könnte.

Was ist Vaginismus (GPPPD)?

Vaginismus – in der aktuellen medizinischen Klassifikation DSM-5 als Genito-Pelvic Pain/Penetration Disorder (GPPPD) bezeichnet – ist eine Sexualstörung, die durch Schmerzen, Ängste und eine unwillkürliche Anspannung der Beckenbodenmuskulatur beim Versuch der vaginalen Penetration gekennzeichnet ist¹. Viele Betroffene erleben dadurch erhebliche Belastungen, die sich sowohl auf das Intimleben als auch auf Partnerschaften und die allgemeine Lebensqualität auswirken können.

Warum Cannabis bei Vaginismus diskutiert wird

In den letzten Jahren rückt das Endocannabinoid-System (ECS) zunehmend in den Fokus der Forschung, wenn es um Schmerzregulation, Muskelentspannung und Angstbewältigung geht². Da diese Faktoren bei Vaginismus eine zentrale Rolle spielen, wird medizinisches Cannabis als mögliche ergänzende Therapieoption diskutiert³.

Das Endocannabinoid-System und Sexualität

Das ECS ist ein körpereigenes Regulationsnetzwerk, das aus Rezeptoren, körpereigenen Botenstoffen (Endocannabinoiden) und Enzymen besteht. Seine Aufgabe ist es, das innere Gleichgewicht – die sogenannte Homöostase – zu erhalten. Besonders wichtig sind die CB1-Rezeptoren, die vor allem im Gehirn und Nervensystem vorkommen und Emotionen, Angst und Muskelkontrolle steuern, sowie die CB2-Rezeptoren, die vor allem im Immunsystem und in peripheren Geweben Entzündungs- und Schmerzprozesse beeinflussen.

Interessant ist, dass diese Rezeptoren auch im weiblichen Fortpflanzungssystem nachgewiesen wurden. Dort beeinflussen sie hormonelle Regelkreise, die Wahrnehmung von Schmerz und Lust sowie die Funktion der Beckenbodenmuskulatur¹,². Forscher gehen davon aus, dass eine Dysbalance des ECS bei der Entstehung sexueller Funktionsstörungen wie Vaginismus eine Rolle spielen könnte.

Das ECS ist direkt an der Verarbeitung von Schmerzsignalen beteiligt, wirkt auf die Regulation von Angstreaktionen und spielt eine Rolle bei der Steuerung sexueller Motivation. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, können Schmerzen intensiver wahrgenommen, Ängste verstärkt und sexuelle Reaktionen gehemmt werden³.

Wirkmechanismen von THC und CBD

Cannabis enthält verschiedene Wirkstoffe, von denen vor allem Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) untersucht wurden. THC bindet direkt an CB1- und CB2-Rezeptoren und kann dadurch schmerzlindernd und muskelentspannend wirken. Gleichzeitig besteht jedoch das Risiko von Nebenwirkungen wie Schwindel, Herzrasen oder sogar einer paradoxen Verstärkung von Angstgefühlen⁴.

CBD hingegen wirkt indirekter. Es hemmt beispielsweise das Enzym FAAH, das normalerweise Endocannabinoide abbaut, wodurch die Aktivität des körpereigenen ECS verlängert wird. Außerdem interagiert CBD mit weiteren Rezeptorsystemen und entfaltet so angstlösende und entspannende Effekte, ohne psychoaktive Wirkungen hervorzurufen⁵.

Studienlage zu Cannabis und Vaginismus

Bislang existieren keine randomisierten klinischen Studien, die sich speziell mit Cannabis bei Vaginismus beschäftigen⁶. Es gibt jedoch einige indirekte Hinweise aus Studien zu ähnlichen gynäkologischen Schmerzsyndromen wie Endometriose oder Vulvodynie. Patientinnen berichteten dort teilweise von einer deutlichen Schmerzreduktion, einer verbesserten sexuellen Funktion und einem geringeren Medikamentenverbrauch⁷. Präklinische Daten deuten zudem darauf hin, dass das ECS direkt die Vaginalsekretion, Muskelspannung und Schmerzwahrnehmung regulieren könnte⁹.
Diese Ergebnisse sind zwar ermutigend, ihre Aussagekraft bleibt jedoch begrenzt, da es sich meist um Beobachtungsstudien handelt.

Potenzielle Vorteile und Risiken

Medizinisches Cannabis könnte bei Vaginismus theoretisch drei wesentliche Vorteile haben: die Linderung von Schmerzen, die Senkung des Beckenbodentonus und die Verringerung von Angstgefühlen. Gleichzeitig ist klar, dass Cannabis kein Wundermittel ist und mit typischen Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit oder Konzentrationsstörungen verbunden sein kann¹⁰. Insbesondere THC kann in höheren Dosen auch gegenteilige Effekte wie Angst oder Unruhe hervorrufen¹¹.

Rechtlicher Rahmen in Deutschland

Seit April 2024 ist medizinisches Cannabis in Deutschland kein Betäubungsmittel mehr und kann regulär auf Rezept verordnet werden¹². Zu den zugelassenen Darreichungsformen gehören standardisierte Blüten, Extrakte und Dronabinol-Lösungen¹³. Nicht zugelassen und daher nicht empfohlen sind intravaginale Anwendungen von Cannabisprodukten, da hierzu keinerlei klinische Sicherheitsdaten vorliegen¹⁴.

Klinische Einordnung

Leitlinien empfehlen bei Vaginismus in erster Linie Beckenbodenphysiotherapie, ein graduelles Dilatationstraining und Sexualtherapie. Cannabis kann allenfalls als ergänzende Option in Betracht gezogen werden, wenn diese Methoden nicht ausreichend wirksam sind. Dabei ist eine ärztliche Begleitung mit klaren Therapiezielen und regelmäßigen Erfolgskontrollen unerlässlich¹⁵,¹⁶.

Fazit

Das Endocannabinoid-System könnte eine Schlüsselrolle bei der Entstehung und Behandlung sexueller Funktionsstörungen wie Vaginismus spielen. Cannabisprodukte, die auf dieses System wirken, werden als mögliche ergänzende Option diskutiert. Die Datenlage ist noch begrenzt, weshalb eine ärztlich begleitete, individuell abgestimmte Behandlung entscheidend bleibt.

Häufig gestellte Frafgen

Was versteht man unter Vaginismus (GPPPD)?
Vaginismus ist eine Sexualstörung, die Schmerzen, Ängste und eine unwillkürliche Muskelanspannung beim Geschlechtsverkehr umfasst.
Welche Ursachen kann Vaginismus haben?
Ursachen sind meist multifaktoriell: psychische Belastungen, traumatische Erfahrungen, muskuläre Verspannungen oder hormonelle Einflüsse.
Welche Rolle spielt das Endocannabinoid-System (ECS) bei Vaginismus?
Es reguliert Schmerz, Angst und Muskelspannung. Eine Dysregulation kann die Beschwerden verstärken.
Was sind CB1- und CB2-Rezeptoren?
CB1-Rezeptoren beeinflussen Nervensystem und Emotionen, CB2-Rezeptoren wirken vor allem auf das Immunsystem und Entzündungsprozesse.
Wie wirkt THC?
THC bindet direkt an die Rezeptoren und kann Schmerzen lindern und Muskeln entspannen, aber auch Nebenwirkungen verursachen.
Wie wirkt CBD?
CBD verstärkt die Wirkung körpereigener Endocannabinoide und entfaltet vor allem angstlösende Effekte.
Gibt es Studien zu Cannabis bei Vaginismus?
Nein, direkte Studien fehlen. Hinweise stammen aus verwandten Schmerzstörungen wie Endometriose.
Kann Cannabis Schmerzen beim Vaginismus lindern?
Beobachtungen deuten darauf hin, dass Cannabis Schmerzen und Verspannungen reduzieren kann – dies muss ärztlich beurteilt werden.
Hilft Cannabis gegen die Angst vor Penetration?
CBD kann Ängste reduzieren, THC in hohen Dosen sie jedoch auch verstärken.
Welche Darreichungsformen sind in Deutschland erlaubt?
Zugelassen sind standardisierte Blüten, Extrakte und Dronabinol-Lösungen.
Ist die intravaginale Anwendung sicher?
Nein, hierfür gibt es keinerlei klinische Daten.
Welche Nebenwirkungen sind bekannt?
Müdigkeit, Schwindel, Herzrasen, Konzentrationsstörungen und in manchen Fällen Angstverstärkung.
Ersetzt Cannabis die Standardtherapie bei Vaginismus?
Nein, bewährte Verfahren wie Physiotherapie oder Sexualtherapie bleiben zentral.
Wie ist die rechtliche Lage in Deutschland?
Seit April 2024 ist Cannabis kein Betäubungsmittel mehr und kann auf Rezept verschrieben werden.
Für wen kommt Cannabis in Betracht?
Für Patientinnen, bei denen etablierte Methoden nicht ausreichend helfen, immer in enger ärztlicher Begleitung.

Quellenangaben

  1. Zarski AC. Genito-Pelvic Pain/Penetration Disorder (GPPPD). 2025. PubMed
  2. Fine PG. The endocannabinoid system, cannabinoids, and pain. 2013. PMC
  3. Sinclair J, et al. The Place of Cannabinoids in the Treatment of Gynecological Pain. 2023. Springer
  4. Vučković S, et al. Cannabinoids and pain: new insights from old molecules. Front Pharmacol. 2018. PubMed
  5. Blessing EM, et al. Cannabidiol as a potential treatment for anxiety disorders. Neurotherapeutics. 2015. PubMed
  6. Merck Manuals. Genito-Pelvic Pain/Penetration Disorder (Vaginismus). 2023. Merck Manual
  7. Jasinski V, et al. Cannabis use in endometriosis: the patients have their say. 2024. PMC
  8. Leinen ZJ, et al. Therapeutic Potential of Cannabis: A Comprehensive Review. 2023. PMC
  9. Murataeva N, et al. Cannabinoid regulation of murine vaginal secretion. 2025. mdpi
  10. Mayo Clinic. Marijuana – common side effects. 2024. Mayo Clinic
  11. Volkow ND, et al. Adverse health effects of marijuana use. N Engl J Med. 2014. nejm
  12. Library of Congress. Germany – New Cannabis Act enters into force. 2024. LOC
  13. The Lancet. Germany’s Cannabis Act: a catalyst for European drug policy reform? 2024. Lancet
  14. Dahlgren MK, et al. A survey-based, quasi-experimental study assessing a high-CBD suppository for menstrual-related pain and discomfort. npj Womens Health. 2024. Nature
  15. Theravive. Genito-Pelvic Pain or Penetration Disorder (Vaginismus). 2024. Theravive
  16. Medical News Today. CBD oil for pain management: effects, benefits, and uses. 2023. MNT

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