Medizinische Cannabissorten im Überblick

Die Verwendung von Cannabis als Medizin reicht mehrere Jahrtausende in der Geschichte zurück. Im Laufe des 18. Jahrhunderts etablierte sich die Einteilung der Pflanzen in zwei bzw. drei Cannabissorten: Cannabis Indica und Sativa, teilweise auch Ruderalis (als Nutzhanfsorte). Die Bezeichnungen haben sich vor allem unter Freizeitkonsument*innen etabliert, auch wenn Wissenschafter*innen heute eine andere Einteilung empfehlen. Warum sieht die Medizin die Einteilung in Cannabis Indica, Cannabis Sativa und Hybride nicht mehr als zeitgemäß? Die Kategorisierung wird den Unterschieden der Wirkweise nicht gerecht. Vielmehr scheint es sinnvoll, den CBD- bzw. THC-Gehalt sowie das Terpenprofil der Cannabisblüten als Anhaltspunkte zu nutzen1.

Welche Cannabissorten gibt es?

Cannabis gehört zur Familie der Cannabaceae (Hanfgewächse). In der anhaltenden Debatte darüber, ob Cannabis durch eine oder mehrere Arten vertreten ist, wird Cannabis überwiegend als monospezifisch betrachtet: Cannabis sativa L., das unter anderem die Unterarten Sativa, Indica oder auch Ruderalis umfasst. __2. Das ”L” am Ende verweist übrigens auf Carl von Linné, der den Namen im 18. Jahrhundert vergeben hat. Die meisten Sorten von Cannabis sativa L., die heute angebaut werden, werden häufig als "Hybride" bezeichnet, da sie Kreuzungen dieser historischen Unterarten sind. Dabei gibt die damit bezeichnete Pflanzenstruktur keinen Hinweis auf den Cannabinoidgehalt oder die Zusammensetzung der Pflanze. 3

Allgemein wird Sativa-Sorten eine energetisierende und aktivierende Wirkung nachgesagt, während Indicas entspannend, beruhigend und schmerzlindernd wirken sollen4. Expert*innen entgegnen jedoch, dass die Einteilung nur im Bezug auf Aussehen und Anbaubedingungen Sinn ergibt. Dabei werden folgende Unterschiede sichtbar:

Sativa-Sorten:

  • Aufgrund der langen Blütezeit gut geeignet für den Outdoor-Anbau
  • Wachsen bis zu drei Meter hoch, im Freien sogar fünf Meter möglich
  • Typisch sind eher lange und dünne Blätter, im Freien auch buschiges Wachstum möglich
  • Herkunft: Mexiko, Kolumbien, Thailand, Jamaika, …

Indica-Sorten:

  • Kurze Blütezeit, daher eher zum Indoor-Anbau genutzt
  • Buschige und kurz-gewachsene Pflanzen
  • Dunkelgrüne und dicke Blätter
  • Hoher Ertrag mit schweren Knospen
  • Herkunft: Indien, Afghanistan, Marokko, …

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Der Neurologe und Cannabisexperte Ethan Russo gab in einem Interview zur Debatte um die Einteilung in Indica und Sativa folgende Einschätzung ab:

“Es gibt biochemisch unterschiedliche Cannabissorten, aber die Unterscheidung zwischen Sativa und Indica, wie sie in der Laienliteratur häufig verwendet wird, ist völliger Unsinn und ein Paradebeispiel der Sinnlosigkeit. Man kann derzeit in keiner Weise den biochemischen Gehalt einer bestimmten Cannabispflanze anhand ihrer Höhe, Verzweigung oder Blattmorphologie abschätzen. Der Grad der Kreuzung/Hybridisierung ist so hoch, dass nur ein biochemischer Test einem potenziellen Verbraucher oder Wissenschaftler sagen kann, was wirklich in der Pflanze steckt. Es ist wichtig, dass der künftige Handel vollständige und genaue Cannabinoid- und Terpenoid-Profile zur Verfügung stellt.”1.

Cannabissorten im 21. Jahrhundert

Die Molekularbiologie hat deutlich herausgearbeitet, dass die binäre Einteilung der Cannabispflanze in Indica und Sativa falsch ist, wenn man die Pflanze auf molekularer Ebene aufschlüsselt. Die molekularen Tests machten deutlich, dass die beiden Sorten Sativa und Indica sich zwar in ihren Wachstumsmustern unterscheiden mögen, sie aber auf molekularer Ebene gleich sind. Daher kamen Forschungsteams zu dem Schluss: Es gibt nur eine Cannabisart: Cannabis sativa L.1,3.

Es gibt mehr als 700 Sorten von Cannabis für medizinische Zwecke und den Freizeitgebrauch. Viele tragen schillernde Namen. Einige dieser Sorten sind direkte Unterarten von Sativa, Indica und Ruderalis, die meisten aber sind Hybride. Teilweise sind die Sorten nach ihrem Geruch benannt, teilweise nach ihrer Abstammung. Wirkliche Regeln für die Benennung von Cannabissorten gibt es nicht.

Taucht im Namen der Begriff “Kush” auf deutet das in der Regel auf eine Indica-Abstammung hin, bezeichnet aber oft auch Hybride. Afghan Kush, Hindu Kush, Green Kush und Purple Kush sind alles Sorten mit Indica-Abstammung. Blueberry Kush und Golden Jamaican Kush sind hingegen Hybride. Ähnliche Vermischungen gibt es bei Sorten, die “Diesel” oder “Haze” im Namen tragen: Einige Sorten sind reine Sativa-Sorten, andere sind Hybride5.

Relevanz der Cannabinoide und Terpene

Statt die Pflanzen und ihre Wirkung in Sativas und Indicas zu unterteilen, sind sich die meisten Wissenschaftler*innen heute einig, dass das Zusammenspiel von Cannabinoiden und Terpenen (ätherische Öle, die Pflanzen ihren Geruch verleihen) maßgeblich für die unterschiedlichen Wirkungen von Cannabis verantwortlich ist5,6 – darüber hinaus spielen auch die Dosis sowie die Darreichungsform eine wichtige Rolle7.

Die bekanntesten Cannabinoide der Cannabispflanze nennen sich THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol). Die Wirkstoffe befinden sich in den weiblichen Cannabisblüten und können je nach Dosis unterschiedliche Effekte verursachen: Das berauschende THC kann chronische Schmerzen sowie Übelkeit und Erbrechen lindern, zudem beobachten Forscher*innen eine appetitanregende Wirkung. CBD kann entzündungshemmend wirken und wird darüber hinaus zur Behandlung von epileptischen Erkrankungen eingesetzt6.

Um bestimmte Wirkungen zu erreichen, wird in der Forschung laufend daran gearbeitet, durch Kreuzungen neuen Sorten zu schaffen. Insbesondere beim THC-Gehalt wird viel geforscht: Zwischen 2000 und 2004 stieg der durchschnittliche THC-Gehalt von Cannabispflanzen aus den Niederlanden von 8 % auf 20 %8.

Der Entourage-Effekt

Das gesamte Wirkspektrum kann sich jedoch vermutlich erst durch die Synergie der Terpene und Cannabinoide entfalten9. Die Forschung hat sich in der Vergangenheit vor allem auf die Cannabinoide THC und CBD konzentriert, aber das Interesse an den übrigen sekundären Stoffwechselprodukten und ihrem potenziellen Nutzen in Kombination mit anderen Stoffen nimmt zu. Die Wirkung dieser Kombination wird als Entourage-Efffekt bezeichnet __6. Beispiele für weniger bekannte Cannabinoide sind Tetrahydrocannabivarin (THCV), Cannabinol (CBN), Cannabigerol (CBG) und Cannabichromen (CBC). Die wichtigsten Terpene sind nach bisherigem Kenntnisstand β-Myrcen, Pinen, Limonen, Linalool, β-Caryophyllen und α-Humulen. 10,11.

Das bemerkenswerte Zusammenspiel der chemischen Verbindungen beschrieb der Neurologe Ethan Russo 2011 in einer Studie zum Entourage-Effekt6. In seiner Untersuchung wird deutlich, wie selbst kleinste Mengen Terpene die Wirkung der Cannabisblüten beeinflussen können.

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Fazit

Vor allem die Studien der letzten Jahre machen deutlich, dass die Cannabispflanze mit ihrer Wirkung zu komplex ist, um vom Aussehen der Cannabisblüten auf ihre therapeutischen Eigenschaften zu schließen3. Es sind weitere Untersuchungen nötig, um die Wirkung der Sorten anhand ihrer Inhaltsstoffe genau voraussagen zu können.

FAQ:

Was ist der Unterschied zwischen Indica und Sativa?

Im Wesentlichen unterscheiden sich die Indica- und Sativa-Cannabissorten in ihrem Aussehen, Wachstum und Anbaubedingungen. Viele Jahre wurde den Cannabisblüten auch eine unterschiedliche Wirkung nachgesagt. Allerdings empfehlen Expert*innen heutzutage, die Cannabisblüten aufgrund anderer Eigenschaften zu unterscheiden. Dabei sind der individuelle THC- und CBD-Gehalt sowie das Terpenprofil einer Pflanze wichtig. Darüber hinaus gibt es eine schier unendliche Auswahl an verschiedenen Cannabisblüten.

Welche Cannabissorte bei Schmerzen?

Allgemein eignen sich medizinische Cannabissorten, die einen hohen THC-Gehalt aufweisen, eher zur Behandlung chronischer Schmerzen als solche, die einen hohen CBD-Gehalt aufweisen. Zudem ist das Terpen Myrcen ist für seine beruhigende Wirkung bekannt, und Sorten mit einer hohen Myrcenkonzentration können für die Schmerzbehandlung geeignet sein.  ___6. Für die Therapie von Schmerzen spielt es keine Rolle, ob die Pflanze als Indica- oder Sativa-Sorte bezeichnet wird.

Welches Cannabis ist verschreibungspflichtig?

Medizinisches Cannabis ist immer verschreibungspflichtig. Frei verkäuflich sind lediglich Cannabisprodukte, die einen THC-Wert von unter 0,2% aufweisen. Diese sind als CBD-Produkte bekannt. Jedoch ist bei frei verkäuflichen Präparaten auch der CBD-Gehalt so niedrig, dass eine medizinische Wirkung nicht vermutet werden kann. Hochdosierte CBD-Extrakte gelten als Arzneimittel, sind daher verschreibungspflichtig, gelten aber nicht als Betäubungsmittel. Daher können sie mit einem herkömmlichen Rezept in Apotheken bezogen werden.

Disclaimer und  Rechtliches

Der Artikel dient lediglich dem Zweck der Informationsweitergabe und ersetzt keine medizinische Beratung durch eine*n Ärzt*in. Die Inhalte sollen weder zur Eigendiagnose oder -behandlung motivieren noch zur selbstständigen Änderung der bisherigen medizinischen Behandlung verleiten. Canify Clinics spricht keine Empfehlungen aus und bewirbt auch keine diagnostischen Methoden oder Behandlungen. Solltest du eine Änderung deiner Therapie wünschen, ist das immer mit einer*m Ärzt*in zu besprechen. Darüber hinaus kann Canify Clinics die Richtigkeit, Aktualität und Ausgewogenheit der Inhalte nicht garantieren. Daher übernehmen sowohl die Autor*innen der Texte als auch Canify Clinics keine Haftung für Schäden, die aus der selbstständigen Anwendung der hier beschriebenen Informationen entstehen.

Quellenangaben

  1. 1Piomelli, D. & Russo, E. B. The Cannabis sativa Versus Cannabis indica Debate: An Interview with Ethan Russo, MD. Cannabis Cannabinoid Res 1, 44–46 (2016).
  2. 2Nations Office Drugs, U. O. Recommended Methods for the Identification and Analysis of Cannabis and Cannabis Products (Revised and updated).
  3. 3Sawler, J. et al. The Genetic Structure of Marijuana and Hemp. PLoS One 10, (2015).
  4. 4▷ Sativa vs. Indica: Was sagen Experten? https://www.leafly.de/sativa-vs-indica-was-sagen-experten/.
  5. 5Gloss, D. An Overview of Products and Bias in Research. Neurotherapeutics 12, 731 (2015).
  6. 6Russo, E. B. Taming THC: potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects. Br J Pharmacol 163, 1344–1364 (2011).
  7. 7MacCallum, C. A. & Russo, E. B. Practical considerations in medical cannabis administration and dosing. Eur J Intern Med 49, 12–19 (2018).
  8. 8Pijlman, F. T. A., Rigter, S. M., Hoek, J., Goldschmidt, H. M. J. & Niesink, R. J. M. Strong increase in total delta-THC in cannabis preparations sold in Dutch coffee shops. Addiction biology 10, 171–180 (2005).
  9. 9LaVigne, J. E., Hecksel, R., Keresztes, A. & Streicher, J. M. Cannabis sativa terpenes are cannabimimetic and selectively enhance cannabinoid activity. Sci Rep 11, (2021).
  10. 10Zagzoog, A. et al. In vitro and in vivo pharmacological activity of minor cannabinoids isolated from Cannabis sativa. Sci Rep 10, (2020).
  11. 11Jin, D., Dai, K., Xie, Z. & Chen, J. Secondary Metabolites Profiled in Cannabis Inflorescences, Leaves, Stem Barks, and Roots for Medicinal Purposes. Sci Rep 10, (2020).