Cannabis und sexuelle Funktionsstörungen
Wenn Intimität zur Belastung wird: Sexuelle Funktionsstörungen haben viele Ursachen – doch neue Therapieansätze wie Medizinalcannabis eröffnen Hoffnung.Sexuelle Funktionsstörungen gehören zu den häufigsten, aber am stärksten tabuisierten Gesundheitsproblemen. Studien zeigen, dass bis zu 50 % aller Menschen im Laufe ihres Lebens betroffen sind – viele sprechen jedoch aus Scham nicht darüber und verzichten auf ärztliche Hilfe.¹ Die Folgen sind nicht nur körperlicher, sondern auch psychischer Natur und können Partnerschaften erheblich belasten.
Definition sexueller Funktionsstörungen
Sexuelle Funktionsstörungen beschreiben die wiederkehrende oder anhaltende Unfähigkeit, die eigene Sexualität befriedigend ausleben zu können.¹,² Sie äußern sich in Störungen des sexuellen Verlangens, der Erregung, des Orgasmus oder in Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.
Damit eine Störung als behandlungsbedürftig gilt, muss sie seit mindestens sechs Monaten bestehen, in den meisten sexuellen Situationen auftreten und mit erheblichem Leidensdruck verbunden sein.
Wichtig ist auch die Abgrenzung zu anderen sexuellen Problemen: Sexuelle Funktionsstörungen sind nicht gleichzusetzen mit sexuellen Präferenzstörungen (z. B. Paraphilien) oder rein partnerschaftlichen Konflikten, die zwar Einfluss auf die Sexualität haben können, aber eine andere Ursache und Einordnung besitzen.
Sexuelle Funktionsstörungen können Frauen wie Männer in jeder Lebensphase betreffen – von jungen Erwachsenen bis ins hohe Alter. Sie sind also keine Frage des Alters oder Geschlechts, sondern können jeden treffen. Während normale Lustschwankungen oder altersbedingte Veränderungen häufig vorkommen, gelten sie erst dann als behandlungsbedürftig, wenn sie dauerhaft bestehen, wiederholt auftreten und die Lebensqualität oder Partnerschaft deutlich beeinträchtigen.
Formen sexueller Funktionsstörungen
Die häufigsten Ausprägungen lassen sich in vier Hauptgruppen gliedern:
- Libidoverlust: Verminderter oder fehlender Wunsch nach sexueller Aktivität.
- Erregungsstörungen: Schwierigkeiten beim Erreichen oder Aufrechterhalten von Erektionen beim Mann oder unzureichende Scheidenbefeuchtung bei der Frau.
- Orgasmusstörungen: Verzögerter, vorzeitiger oder ausbleibender Orgasmus.
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr: Dyspareunie, Vaginismus oder chronische Beckenschmerzen.
Diese Formen treten oft kombiniert auf und können sich gegenseitig verstärken. Die Folgen reichen über das Sexualleben hinaus: Häufig sind auch Selbstwertgefühl, psychische Gesundheit und Partnerschaft erheblich beeinträchtigt.
Abgrenzung: Was ist keine sexuelle Funktionsstörung?
Vorübergehende Unlust aufgrund von Stress, Erschöpfung oder belastenden Lebensphasen ist normal und keine Krankheit. Auch altersbedingte Veränderungen ohne Leidensdruck fallen nicht unter den Begriff „sexuelle Funktionsstörung“. Erst wenn Probleme anhaltend auftreten und mit Scham, Ängsten oder Einschränkungen der Partnerschaft verbunden sind, spricht man von einer Störung.
Ursachen und Leidensdruck
Die Ursachen sind vielfältig: hormonelle Veränderungen, chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck, Entzündungen im Beckenbereich, neurologische Störungen, psychische Belastungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten.1,6
Charakteristisch ist der hohe Leidensdruck: Betroffene berichten von Versagensgefühlen, Scham, Angst vor Intimität und deutlichen Einschränkungen der Partnerschaft. Dieser Aspekt macht deutlich, warum eine ärztliche Abklärung so wichtig ist.
Cannabis als mögliche Ergänzung in der Therapie
Das körpereigene Endocannabinoid-System (ECS) reguliert Schmerz, Stimmung, Muskelspannung und Aspekte der Sexualität.⁸ Wirkstoffe aus der Cannabispflanze – insbesondere THC und CBD – können dieses System beeinflussen und dadurch Symptome sexueller Funktionsstörungen modulieren.
- Schmerzlinderung: Cannabis kann Beschwerden bei Endometriose, Prostatitis oder Dyspareunie lindern.3,7
- Muskelentspannung: THC wirkt krampflösend und kann Beckenbodenverspannungen reduzieren.⁸
- Angstlösung: CBD und niedrige THC-Dosen können Ängste mindern und das sexuelle Erleben erleichtern.⁹
- Durchblutungsförderung: Erste Studien zeigen, dass moderater Cannabiskonsum die Genitaldurchblutung verbessern und die Libido steigern kann.¹¹
Damit ist Cannabis kein Ersatz, kann aber in ausgewählten Fällen eine ergänzende Therapieoption sein – insbesondere dann, wenn klassische Ansätze nicht ausreichend wirken.
Sicherheit und Grenzen
Cannabis gilt unter ärztlicher Begleitung als relativ sicher, Nebenwirkungen sind aber möglich. Typische unerwünschte Effekte sind Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit oder ein kurzfristiges „High“-Gefühl bei THC-reichen Präparaten.¹² CBD ist in der Regel besser verträglich.
Wichtig ist die Dosierung: Zu hohe Mengen THC können Ängste verstärken oder die Erektionsfähigkeit beeinträchtigen.¹² Außerdem kann bei langfristigem Missbrauch ein Risiko für Abhängigkeit und eingeschränkte Fruchtbarkeit bestehen.¹²
Fazit
Sexuelle Funktionsstörungen umfassen ein breites Spektrum an Beschwerden – von Libidoverlust über Erregungs- und Orgasmusstörungen bis hin zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Entscheidend sind nicht nur die Symptome, sondern vor allem die Dauer, der Wiederholungscharakter und der Leidensdruck, der Partnerschaft und Lebensqualität stark beeinträchtigen kann.
Cannabis kann durch seine schmerzstillenden, muskelentspannenden und angstlösenden Eigenschaften in bestimmten Fällen eine wertvolle Ergänzung sein. Die bisherigen Studien liefern ermutigende Ergebnisse, reichen aber noch nicht für eine abschließende Bewertung aus. Wichtig bleibt: Jede Behandlung sollte individuell ärztlich begleitet und sorgfältig abgestimmt werden.
Häufige Fragen zu Cannabis und sexuellen Funktionsstörungen
Was versteht man unter sexuellen Funktionsstörungen?
Wie häufig kommen sexuelle Funktionsstörungen vor?
Welche Ursachen sind am häufigsten?
Können psychische Faktoren sexuelle Störungen verstärken?
Welche Rolle spielen Medikamente?
Kann Cannabis bei Schmerzen beim Sex helfen?
Welche Wirkstoffe im Cannabis sind dabei relevant?
Welche Anwendungsformen gibt es?
Kann Cannabis die Libido steigern?
Hilft Cannabis bei Erektionsstörungen?
Ist Cannabis auch für Frauen mit sexuellen Problemen geeignet?
Welche Risiken bestehen bei der Anwendung?
Besteht ein Risiko für Abhängigkeit?
Wirkt Cannabis bei Männern und Frauen unterschiedlich?
Ersetzt Cannabis andere Therapien?
Quellenangaben
- Basson R. Human sex-response cycles. J Sex Marital Ther. 2001. PubMed
- Berman J. Female Sexual Dysfunction: New Perspectives on Anatomy, Physiology, Evaluation and Treatment. 2003. PubMed
- Zondervan KT, Becker CM, Missmer SA. Endometriosis. N Engl J Med. 2020. PubMed
- Reissing ED, et al. Pelvic floor muscle functioning in women with vulvar vestibulitis syndrome. J Psychosom Obstet Gynaecol. 2005. PubMed
- Feldman HA, et al. Erectile dysfunction and coronary risk factors: prospective results. J Urol. 2000. PubMed
- McMahon CG. Premature ejaculation: past, present, and future perspectives. J Sex Med. 2005. PubMed
- Cherner RA, et al. A psychophysiological investigation of sexual arousal in women with dyspareunia. J Sex Med. 2005. PubMed
- Liang AL, Gingher EL, Coleman JS. Medical cannabis for gynecologic pain conditions: A systematic review. Obstet Gynecol. 2022. PubMed
- Lynn B, et al. The Relationship between Marijuana Use Prior to Sex and Sexual Function in Women. J Sex Med. 2019. PubMed
- Moser A., et al. The influence of cannabis on sexual functioning and satisfaction. 2023. PubMed
- Gundersen TD, et al. Association between use of marijuana and male reproductive hormones and semen quality: a study among 1,215 young men. Am J Epidemiol. 2015. Academic
- Volkow ND, et al. Adverse health effects of marijuana use. 2014. N Engl J Med. PubMed
Quellenangaben
¹ Basson R. Human sex-response cycles. 2001. J Sex Marital Ther. PubMed
² Berman J. Female Sexual Dysfunction: New Perspectives on Anatomy, Physiology, Evaluation and Treatment. 2003. PubMed
³ Zondervan KT, Becker CM, Missmer SA. Endometriosis. 2020. N Engl J Med. PubMed
⁴ Reissing ED, et al. Pelvic floor muscle functioning in women with vulvar vestibulitis syndrome. 2005. J Psychosom Obstet Gynaecol. PubMed
⁵ Feldman HA, et al. Erectile dysfunction and coronary risk factors: prospective results. 2000. J Urol. PubMed
⁶ McMahon CG. Premature ejaculation: past, present, and future perspectives. 2005. J Sex Med. PubMed
⁷ Cherner RA, et al. A psychophysiological investigation of sexual arousal in women with dyspareunia. 2005. J Sex Med. PubMed
⁸ Liang AL, Gingher EL, Coleman JS. Medical cannabis for gynecologic pain conditions: A systematic review. 2022. Obstet Gynecol. PubMed
⁹ Lynn B, et al. The Relationship between Marijuana Use Prior to Sex and Sexual Function in Women. 2019. J Sex Med. PubMed
¹⁰ Moser A, et al. The influence of cannabis on sexual functioning and satisfaction. 2023. PubMed
¹¹ Gundersen TD, et al. Association between use of marijuana and male reproductive hormones and semen quality: a study among 1,215 young men. 2015. Am J Epidemiol. Academic
¹² Volkow ND, et al. Adverse health effects of marijuana use. 2014. N Engl J Med. PubMed